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Materialzertifikate

EN 10204:2004

Metallische Erzeugnisse – Arten von Prüfbescheinigungen

EN 10204 definiert vier Arten von Prüfbescheinigungen (Typen 2.1, 2.2, 3.1, 3.2) für metallische Werkstoffe. Diese unterscheiden sich im Grad der unabhängigen Prüfung und sind die Grundlage für die Materialrückverfolgbarkeit nach EN 1090. Ohne das richtige Zertifikat ist eine normkonforme Verarbeitung nicht möglich.

Was EN 1090 verlangt

EN 1090-2:2018 Tabelle 1 staffelt den Zeugnistyp nach Erzeugnis und Güte, nicht nach Ausführungsklasse: Baustahl bis S275 Werkszeugnis 2.2, über S275 (S355, S460) Abnahmeprüfzeugnis 3.1, Stahlguss 3.1, Schweißzusätze 2.2. An der Ausführungsklasse hängt stattdessen die Rückverfolgbarkeit — ab EXC3 in allen Stadien vom Wareneingang bis zur Übergabe.

Prüfbescheinigungs-Typen im Detail

Die Wahl des richtigen Zertifikatstyps ist entscheidend für Compliance und Kosten

2.1
Werksbescheinigung
Kostenlos/günstig

Einfachste Form - Hersteller bestätigt nur Übereinstimmung mit Bestellung ohne Prüfergebnisse

Prüfung

Keine unabhängige Prüfung

Typisch für

Standard-Bauteile, unkritische Anwendungen, Massenware

EN 1090

In Tabelle 1 für tragende Stahlbauteile nicht vorgesehen

✓ Vorteile

  • Kostenlos
  • Schnell verfügbar
  • Minimaler Aufwand

✗ Nachteile

  • Keine Prüfergebnisse
  • Keine Rückverfolgbarkeit
  • Für EN 1090 unzureichend
2.2
Werkszeugnis
Günstig

Prüfergebnisse nach Norm dokumentiert, aber keine unabhängige Prüfung durch Dritte

Prüfung

Werkseitige Prüfung (nicht unabhängig)

Typisch für

Baustahl bis S275 (S235, S275), Schweißzusätze

EN 1090

Nach Tabelle 1 ausreichend für Baustahl bis S275 und für Schweißzusätze

✓ Vorteile

  • Prüfergebnisse enthalten
  • Günstig
  • Chemische Analyse dokumentiert

✗ Nachteile

  • Keine unabhängige Prüfung
  • Für Baustahl über S275 nicht ausreichend
3.1
Abnahmeprüfzeugnis 3.1
Standard (oft im Preis inklusive)

Spezifische Prüfung, bestätigt von einem vom Fertigungsbereich unabhängigen Beauftragten des Herstellers

Prüfung

Vom Fertigungsbereich unabhängiger Beauftragter des Herstellers

Typisch für

Baustahl über S275 (S355, S460), Stahlguss

EN 1090

Nach Tabelle 1 gefordert für Baustahl über S275 und für Stahlguss

✓ Vorteile

  • Unabhängige Prüfung
  • EN 1090-konform
  • Oft inklusive
  • Vollständige Rückverfolgbarkeit

✗ Nachteile

  • Teurer als 2.x
  • Längere Lieferzeit möglich
3.2
Abnahmeprüfzeugnis 3.2
Teuer (externe Prüfkosten)

Wie 3.1, zusätzlich bestätigt vom Beauftragten des Bestellers oder von einem Prüfer nach amtlicher Vorschrift

Prüfung

Zusätzlich externe Prüfung (Besteller, TÜV, Materialprüfamt)

Typisch für

Druckbehälter, Offshore, Kernkraft, sicherheitskritische Bauteile

EN 1090

In Tabelle 1 an keiner Stelle gefordert — auch nicht für EXC4; nur bei vertraglicher Vereinbarung

✓ Vorteile

  • Höchste Sicherheit
  • Externe Prüfung
  • Maximale Glaubwürdigkeit

✗ Nachteile

  • Teuer
  • Lange Lieferzeiten
  • Nur bei besonderen Anforderungen nötig

Materialrückverfolgbarkeit (Traceability)

Was muss auf einem 3.1-Zertifikat stehen? Diese Angaben sind Pflicht:

!

Chargen-Nummer(Kritisch)

Jede Schmelze hat eine eindeutige Nummer (z.B. 523847). Muss auf Zertifikat und Material markiert sein.

!

Chemische Analyse(Kritisch)

C, Si, Mn, P, S, Cr, Ni, Mo, Cu, N und weitere Legierungselemente in Gewichts-%

!

Mechanische Eigenschaften(Kritisch)

Zugfestigkeit (Rm), Streckgrenze (ReH), Bruchdehnung (A), Kerbschlagarbeit (KV) bei Prüftemperatur

!

Werkstoff-Nummer(Kritisch)

z.B. 1.0570 für S355J2, 1.0038 für S235JR - eindeutige Zuordnung nach EN 10027

Abmessungen

Dicke, Breite, Länge, Gewicht - muss mit Lieferung übereinstimmen

Wärmebehandlung

Normalisiert (N), vergütet (QT), warmgewalzt (+AR) etc. - beeinflusst Eigenschaften

Chargenverfolgung in der Praxis

Jedes Bauteil muss mit der Chargen-Nummer gekennzeichnet sein (Schlagstempel, Farbmarkierung, Anhänger). Bei Audits wird stichprobenartig geprüft:

  1. Auditor wählt zufälliges Bauteil im Lager/Produktion
  2. Liest Chargen-Nummer ab (z.B. 523847)
  3. Fordert zugehöriges 3.1-Zertifikat an
  4. Prüft: Werkstoff, Abmessungen, mechanische Eigenschaften korrekt?

Kann das Zertifikat nicht vorgelegt werden oder passt nicht zur Charge: Sofortige Nichtkonformität.

Häufige Fehler bei Materialzertifikaten

1

Falschen Zertifikatstyp bestellt

Hoch

Für S355 nur ein Werkszeugnis 2.2 bestellt, obwohl EN 1090-2 Tabelle 1 über S275 ein Abnahmeprüfzeugnis 3.1 verlangt. Folge: fehlender Nachweis, im Zweifel Neubeschaffung.

2

Chargen-Nummer auf Bauteil fehlt

Hoch

Zertifikat vorhanden, aber keine Markierung auf dem Material. Rückverfolgbarkeit nicht möglich = nicht konform.

3

Zertifikat passt nicht zur Charge

Sehr hoch

Charge 123456 verbaut, aber Zertifikat für Charge 123457. Audit-Risiko: Sofortige Nichtkonformität.

4

Keine Archivierung der Zertifikate

Mittel

Nach 5 Jahren keine Zertifikate mehr auffindbar. Bei Reklamation oder Audit: Keine Nachweismöglichkeit.

5

Schweißzusätze ohne 3.1

Hoch

Nur Grundwerkstoffe mit 3.1, aber Schweißdrähte/-stäbe nur mit 2.2. EN 1090 fordert 3.1 auch für Zusatzwerkstoffe.

Häufige Fragen zu EN 10204

Welches Zertifikat brauche ich für EN 1090?

Das entscheidet nicht die Ausführungsklasse, sondern die Güte: EN 1090-2:2018 Tabelle 1 fordert für Baustahl bis S275 ein Werkszeugnis 2.2, für Baustahl über S275 (S355, S460) und für Stahlguss ein Abnahmeprüfzeugnis 3.1; für Schweißzusätze genügt durchgehend 2.2. Ein 3.2 verlangt die Tabelle an keiner Stelle, auch nicht für EXC4 — es ist nur bei vertraglicher Vereinbarung nötig (z. B. Druckbehälter, Offshore).

Was ist der Unterschied zwischen 3.1 und 3.2?

3.1: Werksunabhängiger Prüfer, der aber zum Hersteller gehört, bestätigt die Prüfergebnisse. 3.2: Externer Prüfer des Käufers (z.B. TÜV, Materialprüfamt) prüft vor Ort beim Hersteller. 3.2 ist deutlich teurer (Prüfkosten + Reisekosten) und verlängert Lieferzeiten um Wochen.

Muss ich für jede Charge ein Zertifikat haben?

Ja, für jede Materialcharge (Schmelze/Guss) ist ein separates 3.1-Zertifikat erforderlich. Chargen-Rückverfolgbarkeit ist EN 1090-Pflicht. Sie müssen jederzeit nachweisen können, aus welcher Charge ein verbautes Bauteil stammt.

Was passiert, wenn ich nur 2.2 statt 3.1 habe?

Das hängt an der Güte, nicht an der Ausführungsklasse. Für Baustahl bis S275 ist das Werkszeugnis 2.2 nach Tabelle 1 der geforderte Nachweis — hier fehlt nichts. Für Baustahl über S275 (z. B. S355) verlangt Tabelle 1 ein 3.1: dann fehlt der geforderte Nachweis, im Audit ist das eine Abweichung, und in der Regel bleibt nur die Neubeschaffung mit 3.1. Eine Herabstufung der Ausführungsklasse hilft nicht weiter, weil die Anforderung nicht an ihr hängt.

Wie lange muss ich Zertifikate aufbewahren?

EN 1090-2 selbst nennt keine feste Frist — sie ergibt sich aus Produktnorm, Vertrag und Gesetz. Der harte Anker ist die Bauprodukten-Verordnung (EU) Nr. 305/2011: Leistungserklärung und technische Dokumentation sind 10 Jahre nach dem Inverkehrbringen aufzubewahren. Vertraglich vereinbarte oder gewährleistungsbedingt längere Fristen gehen vor. Empfehlung: digital unbegrenzt archivieren — bei Reklamationen oder Gutachten werden Zeugnisse auch nach Jahren noch gebraucht.

Kann ich 3.1-Zertifikate nachträglich bekommen?

Theoretisch ja, praktisch schwierig und teuer. Der Stahlhändler muss beim Hersteller nachfragen, ob die Charge noch nachzertifiziert werden kann. Oft nicht mehr möglich, wenn Charge schon alt ist. Kosten: 50-200 EUR pro Zertifikat.

Was mache ich, wenn Zertifikat und Material nicht übereinstimmen?

Sofort Lieferant kontaktieren. Häufig: Falsche Zuordnung beim Versand. Lieferant muss richtiges Zertifikat nachliefern. Prüfen: Stimmt Chargen-Nummer auf Material mit neuem Zertifikat überein? Falls nicht: Material zurückschicken.

Brauche ich auch für Schrauben 3.1-Zertifikate?

Für tragende Schrauben (HV-Schrauben, Passschrauben) nach EN 1090: Ja, 3.1 erforderlich. Für nicht-tragende Verbindungsmittel: Oft 2.2 ausreichend, aber projektabhängig. Wichtig: Auch für Muttern, Scheiben und andere Kleinteile können Zertifikate gefordert werden.

Materialzertifikate digital verwalten

Strukturierte Zertifikatsverwaltung, Chargenverfolgung, Projekt-Zuordnung und Archivierung für Audits