EN 1090-1:2009+A1:2011
Ohne CE-Kennzeichnung nach EN 1090-1 dürfen tragende Stahlbauteile nicht in der EU in Verkehr gebracht werden. Verstöße können zu Bußgeldern und Haftungsrisiken führen.
Konformitätsbewertungssysteme
EN 1090-1 definiert zwei Wege zur CE-Kennzeichnung: System 2+ (mit notifizierter Stelle) für tragende Bauteile und System 4 (ohne externe Prüfung) für nicht tragende Bauteile.
Standard für EXC2, EXC3, EXC4 - Werkseitige Produktionskontrolle mit Erstzertifizierung
Anforderungen
- Erstzertifizierung durch notifizierte Stelle
- Laufende Überwachung durch notifizierte Stelle (Rhythmus nach EN 1090-1 Tab. B.3)
- Werkseigene Produktionskontrolle (WPK)
- Werkseitige Prüfung aller Produkte
Typisch für Stahlbau-Betriebe
Für EXC1 - Vereinfachtes Verfahren ohne Erstzertifizierung
Anforderungen
- Keine Erstzertifizierung erforderlich
- Keine laufende Überwachung
- Hersteller verantwortlich für Konformität
- Werkseigene Produktionskontrolle optional
Nur für nicht tragende Bauteile
Leistungserklärung (Declaration of Performance)
Die DoP ist das zentrale Dokument für die CE-Kennzeichnung. Sie muss alle wesentlichen Merkmale des Produkts deklarieren.
- Produkttyp und Verwendungszweck
- Name und Adresse des Herstellers
- Eindeutige Produktkennung
- System 2+ oder 4
- Nummer der notifizierten Stelle (bei 2+)
- Zertifikatsnummer (bei 2+)
- Wesentliche Merkmale nach EN 1090-1
- Ausführungsklasse (EXC1-EXC4)
- Toleranzklasse
- Oberflächenschutz
- Erklärung der Übereinstimmung
- Unterschrift des Geschäftsführers
- Datum und Ort
Werkseigene Produktionskontrolle (WPK)
Die WPK ist das Herzstück der EN 1090-1 Konformität. Sie umfasst alle Maßnahmen zur Sicherstellung der Produktqualität während der Herstellung.
Vollständige Dokumentation aller Prozesse
- Qualitätshandbuch
- Verfahrensanweisungen
- Arbeitsanweisungen
- Formblätter und Checklisten
Systematische Prüfung von Materialien und Prozessen
- Eingangsprüfung Material
- Prozessüberwachung Schweißen
- Endprüfung Bauteile
- NDT-Prüfung nach Plan
Qualifiziertes Personal für alle Tätigkeiten
- Schweißer nach ISO 9606
- Schweißaufsicht (EWE/IWE)
- NDT-Personal Level 2
- Geschulte Produktionsmitarbeiter
Kalibrierte und gewartete Ausrüstung
- Schweißgeräte kalibriert
- Messgeräte geeicht
- Prüfmittel überwacht
- Wartungspläne eingehalten
Ausführungsklassen zuordnen
Die richtige Zuordnung der Ausführungsklasse bestimmt das Konformitätsbewertungssystem und den Umfang der WPK
Nicht tragende oder gering beanspruchte Bauteile
Bewertungssystem
System 4
WPK optional
Typische Anwendungen
- Geländer
- Treppen (nicht tragend)
- Verkleidungen
- Fassadenelemente ohne Tragfunktion
Tragende Bauteile mit statischer Beanspruchung
Bewertungssystem
System 2+
WPK erforderlich
Typische Anwendungen
- Hallenkonstruktionen
- Bürogebäude
- Wohngebäude
- Standard Stahlhochbau
Tragende Bauteile mit Ermüdungsbeanspruchung
Bewertungssystem
System 2+
WPK erforderlich
Typische Anwendungen
- Brücken
- Kranbahnen
- Türme
- Stadien
- Mastbauwerke
Seismisch oder extrem ermüdungsbeanspruchte Bauwerke
Bewertungssystem
System 2+
WPK erforderlich
Typische Anwendungen
- Erdbebenzonen
- Offshore-Anlagen
- Kernkraftwerke
- Sonderbauwerke
Häufige Fehler bei der CE-Kennzeichnung
- 01
CE-Kennzeichnung ohne WPK
Die CE-Kennzeichnung wird angebracht, ohne dass eine funktionierende werkseigene Produktionskontrolle existiert. Folge: Zertifikat ungültig.
- 02
Fehlende Erstzertifizierung
Bei System 2+ ist die Erstzertifizierung durch eine notifizierte Stelle zwingend. Ohne Zertifikat ist die CE-Kennzeichnung rechtswidrig.
- 03
Unvollständige DoP
Pflichtangaben wie Ausführungsklasse, Toleranzklasse oder Zertifikatsnummer fehlen in der Leistungserklärung.
- 04
Falsche Ausführungsklasse deklariert
Die DoP gibt eine niedrigere EXC-Klasse an, als das Bauteil tatsächlich erfordert. Erhebliches Haftungsrisiko.
- 05
CE-Kennzeichnung nicht am Produkt
Die CE-Kennzeichnung muss sichtbar, lesbar und dauerhaft am Produkt oder Typenschild angebracht sein.
- 06
Überwachungsaudit versäumt
Bei System 2+ ist die laufende Überwachung durch die notifizierte Stelle verpflichtend. EN 1090-1 Tab. B.3 staffelt die Abstände (1-2-3-3 Jahre für EXC1/2, 1-1-2-3-3 für EXC3/4); den konkreten Termin legt die Stelle fest. Versäumte Audits = Zertifikat ungültig.
EXC2-Checkliste als PDF
Häufig gestellte Fragen zu EN 1090-1
Brauche ich eine CE-Kennzeichnung für Reparaturen?
Nein, Reparaturarbeiten an bestehenden Bauwerken benötigen keine CE-Kennzeichnung. Die Pflicht gilt nur für neu hergestellte Produkte, die in Verkehr gebracht werden.
Was kostet die EN 1090-1 Zertifizierung?
Die Erstzertifizierung durch eine notifizierte Stelle kostet ca. 5.000-15.000 EUR (abhängig von Betriebsgröße). Dazu kommen die Überwachungsaudits (ca. 2.000-5.000 EUR je Audit); ihr Abstand richtet sich nach EN 1090-1 Tab. B.3 und ist nicht pauschal jährlich.
Wie lange dauert die Zertifizierung?
Von der Antragsstellung bis zur Erstzertifizierung vergehen typisch 3-6 Monate. Der Aufbau der WPK vorher kann weitere 3-12 Monate dauern.
Welche notifizierte Stelle soll ich wählen?
In Deutschland sind z.B. TÜV, DEKRA, DIN CERTCO notifiziert. Wählen Sie eine Stelle mit Erfahrung in Ihrer Branche und guter regionaler Erreichbarkeit.
Kann ich die DoP selbst erstellen?
Ja, der Hersteller ist für die DoP verantwortlich. Sie müssen aber sicherstellen, dass alle Pflichtangaben korrekt sind. Tools wie StahlNorm helfen dabei.
Was passiert bei Verstößen gegen EN 1090-1?
Verstöße können zu Bußgeldern, Produktrückrufen und Haftungsansprüchen führen. Im Schadensfall haftet der Hersteller für fehlerhafte CE-Kennzeichnung.
Muss ich für jedes Projekt eine neue DoP erstellen?
Nein, die DoP gilt für Produkttypen, nicht für einzelne Bauteile. Sie können eine DoP für alle gleichartigen Produkte verwenden (z.B. 'HEA-Träger S355').
Brauche ich EN 1090-1 für Montagearbeiten?
Nein, EN 1090-1 gilt nur für die Herstellung. Montagearbeiten vor Ort unterliegen nicht der CE-Kennzeichnung (aber ggf. anderen nationalen Anforderungen).