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Schweißverfahrensprüfung

ISO 15614-1:2017+A1:2019

Anforderungen für die Qualifizierung von Schweißverfahren durch Schweißverfahrensprüfung
Kurz gesagt
Die ISO 15614-1 regelt, wie Schweißverfahren durch eine Schweißverfahrensprüfung (WPQR - Welding Procedure Qualification Record) qualifiziert werden. Die WPQR ist die unverzichtbare Qualifikationsgrundlage für jede WPS und weist nach, dass mit den angegebenen Schweißparametern fehlerfreie Schweißnähte mit ausreichender mechanisch-technologischer Festigkeit hergestellt werden können.
Pflicht ab EXC2

Nach EN 1090-2 ist ab Ausführungsklasse EXC2 zwingend eine WPQR als Qualifikationsnachweis für jede WPS erforderlich. Ohne WPQR ist die WPS ungültig.

Prüfumfang nach ISO 15614-1

Eine WPQR muss umfangreiche zerstörende und zerstörungsfreie Prüfungen bestehen. Alle Prüfergebnisse müssen die Mindestanforderungen erfüllen.

Zerstörende Prüfungen (Pflicht)
  • Zugversuch quer zur Naht

    Mindestzugfestigkeit des Grundwerkstoffs erreicht

    → ISO 4136

  • Querbiegeversuch

    Keine Risse > 3 mm nach Biegung um 180°

    → ISO 5173

  • Kerbschlagbiegeversuch

    Mindest-Kerbschlagarbeit bei Prüftemperatur

    → ISO 9016 (falls erforderlich)

  • Makroschliff

    Nahtaufbau, Bindefehler, Einbrand prüfen

    → ISO 17639

  • Härteprüfung (HV10)

    Bei hochfesten Stählen ≥ S460

    → ISO 9015-1

Zerstörungsfreie Prüfungen (Pflicht)
  • Visuelle Prüfung 100%

    Keine Oberflächenfehler, Risse, Poren

    → ISO 17637

  • Radiografische Prüfung (RT)

    Bewertungsgruppe B nach ISO 5817

    → ISO 17636

  • Ultraschallprüfung (UT)

    Alternative zu RT, Bewertungsgruppe B

    → ISO 17640

  • Bewertung Ungänzen

    Keine unzulässigen Poren, Bindefehler, Einschlüsse

    → ISO 5817

Gültigkeitsbereiche nach ISO 15614-1

Die WPQR qualifiziert die WPS nicht nur für die exakt geprüften Parameter, sondern für definierte Bereiche. Diese Regeln sind kritisch für die Anwendbarkeit.

Werkstoffgruppen

Die geprüfte Gruppe deckt gleiche und niedrigere Streckgrenzen ab — nach unten, nicht nach oben.

Geprüft

Gruppe 1.2

Qualifiziert

1.1, 1.2

Eine Prüfung in 1.2 qualifiziert nicht die höherfeste Gruppe 1.3. Ob eine Gruppe eine andere deckt, hängt an den Streckgrenzen-Bändern der ISO 15608 — für 1.4 (wetterfest, ohne eigenes Band) und bei Überschneidung ist das Urteil ohne Werkstoff-Kurzzeichen nicht zu fällen.

Quelle: ISO 15614-1:2017 Tab. 5 + Fn. a; Bänder ISO 15608:2025 Tab. 1

Werkstoffdicke Stumpfnaht (mehrlagig)

Der qualifizierte Dickenbereich hängt an der Prüfstückdicke t UND daran, ob ein- oder mehrlagig geschweißt wurde.

Geprüft

t = 10 mm, mehrlagig

Qualifiziert

3 – 20 mm

Dieselbe Prüfung einlagig geschweißt qualifiziert nur 5 – 13 mm. Wird ein Kerbschlagversuch gefordert, aber nicht durchgeführt, deckelt Fn. a den Bereich zusätzlich bei 12 mm.

Quelle: ISO 15614-1:2017 Tab. 7, Level 2 (+ Fn. a)

Werkstoffdicke Kehlnaht

Kehlnähte laufen über eine eigene Tabelle — auch dann, wenn die Prüfung als Stumpfnaht gefahren wurde.

Geprüft

t = 10 mm

Qualifiziert

3 – 20 mm

Erst ab t ≥ 30 mm entfällt die Obergrenze. Die Aussage „Kehlnähte haben keine obere Begrenzung“ gilt also nicht allgemein.

Quelle: ISO 15614-1:2017 Tab. 8 (Werkstoffdicke), §8.3.2.2

Kehlnahtdicke a

Bei einlagiger Kehlnaht ist die Nahtdicke selbst begrenzt; mehrlagig geschweißt entfällt die Begrenzung.

Geprüft

a = 6 mm, einlagig

Qualifiziert

4,5 – 9 mm

Die Begrenzung greift nur für die einlagige Ausführung — sie ist der Grund, warum eine einlagige Kehlnahtprüfung deutlich weniger abdeckt als eine mehrlagige.

Quelle: ISO 15614-1:2017 Tab. 8, Spalte Nahtdicke

Rohr-Außendurchmesser

Der geprüfte Außendurchmesser D qualifiziert Durchmesser ab 0,5 × D.

Geprüft

D = 100 mm

Qualifiziert

ab 50 mm

Für Rohre gelten zusätzlich die Sonderregeln des §8.3.3 (u. a. Verhältnis von Rohr- und Blechprüfstücken). Diese Achse prüft der Geltungsbereichs-Checker bewusst nicht — maßgeblich ist der Normtext.

Quelle: ISO 15614-1:2017 Tab. 9, §8.3.3

Schweißposition

Ohne Kerbschlag- und Härteanforderung qualifiziert jede geprüfte Position alle Positionen — ausgenommen die fallenden.

Geprüft

PF (steigend)

Qualifiziert

PA, PB, PC, PD, PE, PF, PH, PK, H-L045

Fallendes Schweißen (PG, PJ, J-L045) verlangt ein eigenes Prüfstück. Werden Kerbschlag- oder Härteanforderungen gestellt, richtet sich die Deckung nach der Prüfposition mit höchster bzw. niedrigster Streckenenergie — dann ist die Pauschalaussage nicht zulässig.

Quelle: ISO 15614-1:2017 §8.4.2

Nahtart

Eine Stumpfnahtprüfung mit voller Durchschweißung qualifiziert Stumpf- und Kehlnähte; eine Kehlnahtprüfung nur Kehlnähte.

Geprüft

Stumpfnaht (BW), volle Durchschweißung

Qualifiziert

BW + FW

Sind die T-Stöße in der Fertigung überwiegend Kehlnähte oder Stumpfnähte mit Teildurchschweißung, verlangt §8.4.3 zusätzlich eine Kehlnahtprüfung.

Quelle: ISO 15614-1:2017 §8.4.3, Level 2

Für den eigenen Fall statt für das Beispiel: Geltungsbereich einer WPQR prüfen — Dicke, Werkstoffgruppe, Position und Nahtart mit Norm-Fundstelle je Achse, ohne Anmeldung.

WPQR erstellen: 8 Schritte

Der komplette Ablauf einer Schweißverfahrensprüfung

Sie haben bereits eine WPQR und wollen wissen, welche Nähte sie trägt? Geltungsbereich prüfen

  1. 01

    Schweißprobe herstellen

    Probe nach pWPS (preliminary WPS) schweißen. Mindestmaße nach Bild 1: je Blech 150 mm breit, 350 mm lang (Nahtlänge). Bauteilähnliche Prüfstücke laufen über ISO 15613.

    Kritisch: Alle Parameter exakt nach pWPS einhalten und dokumentieren

  2. 02

    Abkühlen lassen

    Probe auf Raumtemperatur abkühlen lassen. Keine beschleunigte Abkühlung (Wasser), außer in pWPS vorgesehen.

    Kritisch: Abkühlbedingungen beeinflussen Gefüge

  3. 03

    Visuelle Prüfung

    100% VT nach ISO 17637. Oberfläche auf Risse, Poren, Einbrandkerben prüfen.

    Kritisch: Bereits hier disqualifizierende Fehler möglich

  4. 04

    Zerstörungsfreie Prüfung

    RT oder UT der gesamten Probe. Bewertung nach ISO 5817, Bewertungsgruppe B erforderlich.

    Kritisch: Innere Fehler müssen ausgeschlossen werden

  5. 05

    Proben entnehmen

    Zugproben, Biegeproben, Kerbschlagproben nach Norm-Vorgaben entnehmen.

    Kritisch: Entnahmeposition und -richtung genau definiert

  6. 06

    Zerstörende Prüfungen

    Zugversuch, Biegeversuch, ggf. Kerbschlagversuch und Härteprüfung durchführen.

    Kritisch: Alle Grenzwerte müssen erreicht werden

  7. 07

    Makroschliff anfertigen

    Schliff quer zur Schweißnaht. Nahtaufbau, Einbrand, Bindefehler dokumentieren.

    Kritisch: Nahtgeometrie muss Anforderungen erfüllen

  8. 08

    WPQR dokumentieren

    Alle Ergebnisse in WPQR-Formblatt eintragen. Vom Prüfer oder von der Prüfstelle unterschreiben und datieren lassen (§9).

    Kritisch: WPQR ist rechtliches Dokument

Häufige Fehler bei WPQR

  1. 01

    Parameter weichen von pWPS ab

    Während der Schweißprobe werden andere Parameter verwendet als in der pWPS angegeben. Folge: WPQR ungültig, WPS nicht qualifiziert.

  2. 02

    Gültigkeitsbereich überschritten

    WPS gibt 25 mm Blechdicke an, WPQR wurde mit 10 mm mehrlagig geprüft. Level 2 nach ISO 15614-1:2017 Tabelle 7 qualifiziert dafür 3 – 20 mm — die WPS liegt außerhalb des Gültigkeitsbereichs.

  3. 03

    Nicht alle Prüfungen dokumentiert

    Kerbschlagversuch wurde vergessen oder Makroschliff fehlt. WPQR ist unvollständig und ungültig.

  4. 04

    Grenzwerte nicht erreicht

    Zugfestigkeit 10% unter Mindestwert. Nach §7.6 dürfen je durchgefallener Probe zwei Ersatzproben aus demselben Prüfstück entnommen werden — fallen auch die durch, ist die Verfahrensprüfung nicht bestanden.

  5. 05

    Keine unabhängige Prüfstelle

    Firmeneigener Mitarbeiter führt alle Prüfungen durch. Für EN 1090 wird oft unabhängige Stelle (TÜV, SLV) gefordert.

Häufige Fragen zu ISO 15614-1

Was ist der Unterschied zwischen WPS und WPQR?

Die WPS ist die Arbeitsanweisung für Schweißer (wie wird geschweißt). Die WPQR ist das Prüfprotokoll, das beweist, dass die WPS-Parameter funktionieren (Beweis durch Prüfung). Ohne WPQR ist die WPS nicht qualifiziert und ungültig.

Wie lange ist eine WPQR gültig?

Unbegrenzt, solange sich Normen, Werkstoffe oder Schweißverfahren nicht grundlegend ändern. Empfehlung: Alle 5-10 Jahre auf Aktualität prüfen, besonders bei Normänderungen.

Kann ich eine WPQR für mehrere WPS verwenden?

Ja, eine WPQR kann beliebig viele WPS qualifizieren, solange alle WPS-Parameter innerhalb des WPQR-Gültigkeitsbereichs liegen. Das spart Kosten.

Was kostet eine WPQR?

3.000-10.000 EUR abhängig von Prüfumfang, Material, Dicke und Prüfstelle. Hochfeste Stähle (S690), große Dicken und komplexe Positionen (PF) sind teurer. Externe Prüfstellen (TÜV, SLV) teurer als interne Prüfung.

Wer darf eine WPQR erstellen?

Die Schweißprobe kann im eigenen Betrieb hergestellt werden. Die Prüfungen müssen von qualifiziertem Personal durchgeführt werden. Für EN 1090 oft externe Prüfstelle erforderlich.

Was passiert, wenn eine Prüfung nicht bestanden wird?

§7.6 der ISO 15614-1 regelt die Wiederholung: Fällt eine zerstörende Probe durch (außer Makroschliff), dürfen je gescheiterter Probe zwei weitere Proben aus dem ursprünglichen Prüfstück entnommen werden, sofern genug Material vorhanden ist. Bei einem ZfP-Befund darf ein weiteres Prüfstück mit denselben Parametern geschweißt werden. Fallen auch diese Proben durch, ist die Verfahrensprüfung nicht bestanden und muss neu geschweißt werden.

Kann ich Parameter nachträglich erweitern?

Nachträglich erweitern lässt sich eine WPQR nicht — sie gilt aber nicht nur für die exakt geprüften Werte, sondern innerhalb ihres Geltungsbereichs nach Abschnitt 8 (Werkstoffgruppe, Dickenbereich, Position, Verfahren, Nahtart). Was außerhalb liegt, braucht eine neue Verfahrensprüfung.

Brauche ich für jedes Projekt eine neue WPQR?

Nein, WPQR ist projektunabhängig. Einmal erstellt, kann sie für alle Projekte verwendet werden, solange die WPS-Parameter im Gültigkeitsbereich liegen.

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