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Bewertungsgruppen

DIN EN ISO 5817: Bewertungsgruppen B, C und D

Die Norm legt fest, wie groß eine Unregelmäßigkeit in einer Schweißnaht sein darf, bis sie unzulässig wird — gestaffelt in drei Gruppen. Sie entscheidet damit jedes Prüfurteil im Stahlbau, wird aber selten vollständig gelesen: Die Zahlenwerte stehen in Tabelle 1, die Regeln, nach denen man sie anwendet, in Abschnitt 5.

B ist die strengste Gruppe, D die mildeste

Bewertungsgruppe B entspricht den höchsten Anforderungen an die Schweißnaht. Die Buchstaben sind keine Schulnoten und keine Reihenfolge B vor C vor D im Sinne von Stufen — sie benennen drei Sätze von Grenzwerten, aus denen die Anwendungsnorm auswählt. Im Stahlbau trifft diese Auswahl EN 1090-2 §7.6.1.

Was die Norm regelt — und was nicht

ISO 5817 ist eine Bezugsnorm: Sie stellt Grundbezugsdaten bereit und bezieht sich auf keine bestimmte Anwendung. Erst die Anwendungsnorm — im Stahlbau EN 1090-2 — wählt daraus aus.

Im Anwendungsbereich
  • Schmelzschweißverbindungen an Stahl, Nickel, Titan und deren Legierungen
  • Werkstückdicken ab 0,5 mm
  • voll durchgeschweißte Stumpfnähte und alle Arten von Kehlnähten; die Grundsätze sind auch auf teilweise durchgeschweißte Stumpfnähte anwendbar
  • Prozesse 11, 12, 13, 14, 15 und 31 nach ISO 4063 — damit auch 111, 121, 135, 136, 138 und 141 aus dem Stahlbau
  • manuelles, mechanisiertes und automatisches Schweißen, alle Schweißpositionen
Nicht erfasst
  • Strahlschweißen — dafür gilt ISO 13919-1
  • metallurgische Gesichtspunkte wie Korngröße und Härte
  • Verfahren zum Nachweis von Unregelmäßigkeiten — die Norm nennt Grenzwerte, keine Prüfverfahren
  • die Eignung für einen bestimmten Zweck; für Schwingbeanspruchung gibt es nur den informativen Anhang B

Für die Sichtprüfung ist die Norm ausdrücklich direkt anwendbar — sie ist damit der Maßstab, gegen den ein Sichtprüfprotokoll nach ISO 17637 sein Urteil fällt.

Bewertungsregeln nach Abschnitt 5

Vier Regeln entscheiden, wie die Tabellenwerte anzuwenden sind. Wer nur die Tabelle liest, misst zwar richtig, bewertet aber falsch.

Getrennt nach jeder Unregelmäßigkeit bewerten

Eine Schweißnaht wird üblicherweise für jede Unregelmäßigkeit einzeln bewertet. Erst wenn in einem Nahtquerschnitt verschiedene Arten zusammentreffen, kommt die gesonderte Beurteilung der Mehrfachunregelmäßigkeiten hinzu — und deren Grenzen gelten nur, wenn keine Einzelgrenze überschritten ist.

Zwei nahe Unregelmäßigkeiten zählen als eine

Liegen zwei angrenzende Unregelmäßigkeiten näher beieinander als das Hauptmaß der kleineren von beiden, müssen sie als eine einzige Unregelmäßigkeit angesehen werden. Zwei getrennt gemessene Poren können damit gemeinsam über den Grenzwert rutschen.

Systematische Unregelmäßigkeiten nur in Gruppe D

Wiederholt sich eine Unregelmäßigkeit in regelmäßigen Abständen über die geprüfte Nahtlänge, ist sie nur in Bewertungsgruppe D zulässig — selbst dann, wenn jede einzelne für sich innerhalb der Grenzwerte liegt. Die durchlaufende Einbrandkerbe gilt ausdrücklich nicht als systematische Unregelmäßigkeit.

Makroschliff: zehnfache Vergrößerung als Grenze

Wird der Nachweis über eine Makroschliffuntersuchung geführt, sind nur Unregelmäßigkeiten zu berücksichtigen, die bei höchstens zehnfacher Vergrößerung nachweisbar sind. Ausgenommen davon sind Mikrobindefehler und Mikrorisse.

DIN EN ISO 5817:2023-07 §5

Begriffe, die die Werte lesbar machen

In vielen Tabellenzeilen steht kein reiner Zahlenwert, sondern eine Bedingung. Ohne die Definitionen aus Abschnitt 3 lässt sich die Zeile nicht anwenden.

Bewertungsgruppe

§3.1

Beschreibung der Qualität einer Schweißung auf der Basis von Art, Größe und Anzahl ausgesuchter Unregelmäßigkeiten.

Kurze Unregelmäßigkeit

§3.2 und §3.3

Bei Nähten ab 100 mm Länge: In dem 100-mm-Abschnitt, der die meisten Unregelmäßigkeiten enthält, überschreitet deren Gesamtlänge 25 mm nicht. Bei Nähten unter 100 mm Länge: Die Gesamtlänge überschreitet 25 % der Nahtlänge nicht.

Systematische Unregelmäßigkeit

§3.4

Unregelmäßigkeit, die sich in regelmäßigen Abständen über die zu prüfende Nahtlänge wiederholt, wobei jede einzelne innerhalb der Zulässigkeitsgrenzen liegt.

Weicher Übergang

§3.7

Glatte Oberfläche ohne Unregelmäßigkeiten oder Schärfe am Übergang zwischen Schmelzbad und Grundwerkstoff beziehungsweise zu den angrenzenden Schmelzbädern. Mehrere Tabellenzeilen fordern ihn zusätzlich zum Zahlenwert.

Grenzwerte der häufigsten Unregelmäßigkeiten

Auszug aus Tabelle 1 für Blechdicken über 3 mm — der Regelfall im Stahlbau. Symbole: t Blechdicke, s Nahtdicke der Stumpfnaht, a Nahtdicke der Kehlnaht, b Breite der Nahtüberhöhung, h Höhe oder Breite der Unregelmäßigkeit, d Durchmesser einer Pore.

Auszug, kein Ersatz für die Norm. Tabelle 1 führt rund 30 Zeilen mit Bildern, Bemerkungen und eigenen Werten für Dicken von 0,5 bis 3 mm. Für die verbindliche Bewertung gilt der Normtext, nicht diese Übersicht.

Nr.UnregelmäßigkeitDCB
100 / 104Riss, EndkraterrissOberflächenicht zulässignicht zulässignicht zulässig
401Bindefehler, oberflächenoffenOberflächenicht zulässignicht zulässignicht zulässig
401Bindefehler, innenliegendinnenkurze Unregelmäßigkeit: h ≤ 0,4 s, max. 4 mm (Kehlnaht: 0,4 a)nicht zulässignicht zulässig
2017OberflächenporeOberfläched ≤ 0,3 s, max. 3 mmd ≤ 0,2 s, max. 2 mmnicht zulässig
2025Offener Endkraterlunker, StumpfnahtOberflächeh ≤ 0,2 s, max. 2 mm; d ≤ 0,3 s, max. 3 mmh ≤ 0,1 s, max. 1 mm; d ≤ 0,2 s, max. 2 mmnicht zulässig
5011 / 5012Einbrandkerbe, durchlaufend und nicht durchlaufendOberflächeh ≤ 0,2 t, max. 1 mmh ≤ 0,1 t, max. 0,5 mmh ≤ 0,05 t, max. 0,5 mm
502Zu große Nahtüberhöhung, StumpfnahtOberflächeh ≤ 0,25 b + 1 mm, max. 10 mmh ≤ 0,15 b + 1 mm, max. 7 mmh ≤ 0,1 b + 1 mm, max. 5 mm
503Zu große Nahtüberhöhung, KehlnahtOberflächeh ≤ 0,25 b + 1 mm, max. 5 mmh ≤ 0,15 b + 1 mm, max. 4 mmh ≤ 0,1 b + 1 mm, max. 3 mm
5213Zu kleine KehlnahtdickeGeometriekurze Unregelmäßigkeit: h ≤ 0,1 a + 0,3 mm, max. 2 mmkurze Unregelmäßigkeit: h ≤ 0,1 a + 0,3 mm, max. 1 mmnicht zulässig
601ZündstelleOberflächezulässig, wenn die Eigenschaften des Grundwerkstoffs nicht beeinflusst werdennicht zulässignicht zulässig
Mehrfachunregelmäßigkeiten im QuerschnittkombiniertGesamthöhe h ≤ 0,4 t oder 0,4 aGesamthöhe h ≤ 0,3 t oder 0,3 aGesamthöhe h ≤ 0,2 t oder 0,2 a

Rot hinterlegt: in allen drei Gruppen unzulässig. Ordnungsnummern nach ISO 6520-1. Werte aus DIN EN ISO 5817:2023-07, Tabelle 1.

Zuordnung zur Ausführungsklasse

ISO 5817 sagt nicht, welche Gruppe für Ihr Bauteil gilt — das entscheidet die Anwendungsnorm. Im Stahlbau ist das EN 1090-2 §7.6.1, und die Zuordnung ist nicht so glatt, wie die Merkregel nahelegt.

EXC1

Bewertungsgruppe D

außer zu kleine Kehlnahtdicke (5213): Gruppe C

EXC2

Bewertungsgruppe C

außer Schweißgutüberlauf (506), Zündstelle (601) und offener Endkraterlunker (2025): Gruppe D — und zu kleine Kehlnahtdicke (5213): Gruppe B

EXC3

Bewertungsgruppe B

keine Ausnahmen

EXC4

Bewertungsgruppe mindestens EXC3

zusätzliche Anforderungen sind für die identifizierten Nähte festzulegen

Zwei Unregelmäßigkeiten bleiben nach EN 1090-2 generell außen vor: der schroffe Nahtübergang (505) und der Mikro-Bindefehler (401). Zusätzlich festgelegte Anforderungen an Nahtgeometrie und Nahtprofil sind dagegen zu beachten.

Bei Nähten unter Ermüdungsbeanspruchung nach EN 1993-1-9 legt die Ausführungsspezifikation die Annahmekriterien über die Kerbfallkategorie fest — dann gelten die Bezeichnungen C 63, B 90 oder B 125.

EN 1090-2:2018 §7.6.1 und §7.6.2. Wie das im Prüfbericht einzutragen ist, steht im Sichtprüfprotokoll nach ISO 17637; welches Verfahren in welchem Umfang zu prüfen ist, in EN ISO 17635.

Fassung 2014 oder 2023?

Beide sind im Umlauf, und die Frage ist keine Formalie: EN 1090-2 verweist datiert.

Aktuell: DIN EN ISO 5817:2023-07

Ersetzt die Ausgabe 2014-06. Wesentliche Änderungen: In Tabelle 1 wird bei den Nrn. 1.3, 1.4, 1.16 und 3.2 die tatsächliche Kehlnahtdicke aA verwendet; mehrere Bilder wurden geändert oder ergänzt; bei Nr. 4.1 (Mehrfachunregelmäßigkeiten) wurden Unregelmäßigkeiten ausgeschlossen und die Annahmekriterien geändert; der frühere Anhang B wurde gestrichen.

EN 1090-2:2018 verweist auf die Fassung 2014

§7.6.1 nennt ausdrücklich EN ISO 5817:2014. Wer nach der aktuellen Fassung bewertet, sollte das im Prüfplan festhalten und mit der Schweißaufsicht abstimmen — die Annahmekriterien sind eine vertragliche Festlegung.

Praktische Falle beim Zitieren: Die Kriterien für Ermüdungsbeanspruchung stehen in der Fassung 2014 in Anhang C, in der Fassung 2023 dagegen in Anhang B. Ein Verweis ohne Jahreszahl zeigt je nach Exemplar auf etwas anderes.

DIN EN ISO 5817:2023-07, Nationales Vorwort und Vorwort; EN 1090-2:2018 §7.6.1 und §7.6.2.

Fünf verbreitete Irrtümer

1

„In Gruppe D sind kleine Risse noch erlaubt“

Nein. Riss (100) und Endkraterriss (104) sind in allen drei Bewertungsgruppen nicht zulässig — auch in D. Dasselbe gilt für den oberflächenoffenen Bindefehler (401) und den Kupfereinschluss (3042). Die Gruppen unterscheiden sich bei den Größenwerten, nicht bei der Frage, ob ein Riss durchgehen darf.

Tabelle 1, Nrn. 1.1, 1.2, 1.5 und 2.11

2

„Kurze Unregelmäßigkeit heißt: ist ja nur kurz“

Der Begriff ist in §3.2 und §3.3 gemessen definiert. Bei einer Naht ab 100 mm wird der 100-mm-Abschnitt mit den meisten Unregelmäßigkeiten betrachtet; deren Gesamtlänge darf dort 25 mm nicht überschreiten. Bei kürzeren Nähten sind es 25 % der Nahtlänge. Wo in der Tabelle „kurze Unregelmäßigkeit“ steht, ist der Zahlenwert daneben also nur die zweite Bedingung.

§3.2 und §3.3

3

„Eine Bewertungsgruppe gilt für das ganze Bauteil“

Die Bewertungsgruppen beziehen sich auf die Schweißnähte in der Fertigung, nicht auf das Erzeugnis. Unterschiedliche Gruppen für verschiedene Nähte am selben Bauteil sind ausdrücklich vorgesehen — und in Einzelfällen sogar unterschiedliche Gruppen für verschiedene Unregelmäßigkeiten derselben Naht. Genau so ist EN 1090-2 §7.6.1 aufgebaut.

Einleitung der ISO 5817, EN 1090-2:2018 §7.6.1

4

„Die Gruppe legen wir bei der Prüfung fest“

Zu spät. Die Bewertungsgruppe muss vor Fertigungsbeginn festgelegt werden, vorzugsweise im Angebots- oder Bestellstadium — durch die Anwendungsnorm oder durch den verantwortlichen Konstrukteur gemeinsam mit Hersteller und Anwender. Gruppe B kann zusätzliche Fertigungsschritte verlangen, etwa Schleifen oder WIG-Glätten; das muss vorher kalkuliert sein.

Einleitung der ISO 5817

5

„ISO 5817 sagt mir, wie ich prüfen muss“

Die Norm ist direkt für die Sichtprüfung anwendbar, enthält aber keine Verfahren zum Nachweis oder zur Größenbestimmung. Welches ZfP-Verfahren in welchem Umfang läuft, steht in ISO 17635 und EN 1090-2; die Zulässigkeitsgrenzen der einzelnen Verfahren stehen in deren eigenen Normen, etwa ISO 11666 für UT oder ISO 23278 für MT.

Einleitung und §1 der ISO 5817

Fundstellen im Normtext

Jede fachliche Aussage dieser Seite ist gegen den Normtext geprüft. Die Normen selbst sind kostenpflichtig und werden hier nicht wiedergegeben — die Fundstellen erlauben die Gegenprobe im eigenen Exemplar.

AussageFundstelle
Drei Bewertungsgruppen B, C, D; B entspricht den höchsten Anforderungen; anwendbar ab 0,5 mm WerkstückdickeDIN EN ISO 5817:2023-07 §1
Bewertungsgruppe vor Fertigungsbeginn festlegen; unterschiedliche Gruppen je Naht am selben Bauteil möglichDIN EN ISO 5817:2023-07, Einleitung
Begriffe: Bewertungsgruppe, kurze und systematische Unregelmäßigkeit, weicher ÜbergangDIN EN ISO 5817:2023-07 §3.1 bis §3.7
Bewertungsregeln: Einzelbewertung, Zusammenfassen naher Unregelmäßigkeiten, systematische nur in D, zehnfache Vergrößerung beim MakroschliffDIN EN ISO 5817:2023-07 §5
Grenzwerte der einzelnen UnregelmäßigkeitenDIN EN ISO 5817:2023-07, Tabelle 1
Zusätzliche Kriterien für Schwingbeanspruchung, Bezeichnungen C 63, B 90, B 125DIN EN ISO 5817:2023-07, Anhang B (informativ)
Zuordnung der Bewertungsgruppen zur Ausführungsklasse mit den Abweichungen für 506, 601, 2025 und 5213; 505 und 401 bleiben unberücksichtigtEN 1090-2:2018 §7.6.1
Annahmekriterien über die Kerbfallkategorie bei ErmüdungsbeanspruchungEN 1090-2:2018 §7.6.2
Änderungen gegenüber der Fassung 2014, unter anderem Streichung des früheren Anhangs BDIN EN ISO 5817:2023-07, Nationales Vorwort und Vorwort

Bewertungsgruppe je Naht statt je Bauteil

StahlNorm führt die Ausführungsklasse am Projekt, leitet die Bewertungsgruppe daraus ab und hängt sie an die einzelne Naht — im Prüfplan wie im Prüfbericht.