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Praxis

WPQR: ISO 15613 oder ISO 15614-1? Welcher Qualifizierungsweg passt zu Ihrem Bauteil

9 Min. LesezeitStand 2026-10StahlNorm Team

Wer ab EXC2 schweißt, braucht qualifizierte Schweißverfahren. Der bekannteste Weg dafür ist die Verfahrensprüfung nach ISO 15614-1 mit genormtem Prüfstück. EN 1090-2 lässt aber mehrere Wege zu, und wer nach ISO 15614-1 qualifiziert, muss für manche Nähte auf ISO 15613 ausweichen. Dieser Artikel stellt ISO 15614-1 und ISO 15613 gegenüber und zeigt, welche Wege Tabelle 12 der EN 1090-2 je Ausführungsklasse öffnet.

Stand der Normen: EN 1090-2:2018+A1:2024, EN ISO 15614-1:2017 (mit A1:2019), EN ISO 15613:2025 (zweite Ausgabe, August 2025, ersetzt die erste Ausgabe; als DIN EN ISO 15613:2026-02 veröffentlicht). Prüfen Sie vor einer neuen Qualifizierung, welche Ausgabe Ihr Vertrag oder Ihre Zertifizierungsstelle verlangt.

Kurzantwort: was Tabelle 12 erlaubt

Für die Lichtbogenprozesse 111, 114, 12, 13 und 14 regelt EN 1090-2, Abschnitt 7.4.1.2 mit Tabelle 12, welche Qualifizierungswege je Ausführungsklasse zulässig sind:

QualifizierungswegNormEXC2EXC3 und EXC4
SchweißverfahrensprüfungISO 15614-1 (Stufe 2)zulässigzulässig
Vorgezogene ArbeitsprüfungISO 15613zulässigzulässig
StandardschweißanweisungISO 15612zulässignur, wenn die Ausführungsspezifikation es erlaubt
Vorherige schweißtechnische ErfahrungISO 15611zulässignicht zulässig
Geprüfte SchweißzusätzeISO 15610zulässignicht zulässig

Zwei Fußnoten der Tabelle sind wichtig: Eine Qualifizierung nach ISO 15614-1:2017 muss nach Stufe 2 erfolgen (Fußnote a). Und die Wege über ISO 17660 gelten nur für Verbindungen zwischen Betonstahl und anderen Stahlbauteilen (Fußnote b).

Abschnitt 7.4.1.2 engt die Wahl in drei Fällen ein: Für nichtrostende Stähle ist eine Verfahrensprüfung nach ISO 15614-1 erforderlich, ausgenommen die Sorten 1.4301, 1.4307, 1.4541, 1.4401, 1.4404 und 1.4571 im nicht kaltverfestigten Zustand sowie Verbindungen dieser Sorten untereinander und mit unlegierten Baustählen. Die erste Lage einer vollmechanisierten Kehlnaht mit tiefem Einbrand ist nach ISO 15614-1 zu qualifizieren, geprüft über den in der Fertigung vorkommenden Bereich der Nenn-Nahtdicke mit drei Makroschliffen aus Anfang, Mitte und Ende eines Prüfstücks. Und wird für Kehlnähte an Stählen ab S460 eine Qualifizierung verlangt, kommt ein Kreuzzugversuch nach ISO 9018 hinzu, sofern die Ausführungsspezifikation nicht die Alternative über einen Zugversuch am reinen Schweißgut erlaubt.

Für EXC1 verlangt EN 1090-2 keine Verfahrensqualifizierung (Anhang A.3, Zeile 7.4.1.2). Welche Pflichten je Ausführungsklasse gelten, steht in WPS und Schweißaufsicht: Ab welcher Ausführungsklasse sind sie Pflicht?.

ISO 15614-1: die Verfahrensprüfung mit genormtem Prüfstück

ISO 15614-1 ist der Regelweg. Der Betrieb schweißt nach einer vorläufigen Schweißanweisung (pWPS) ein genormtes Prüfstück (Stumpfnaht am Blech oder Rohr, T-Stoß als Stumpf- oder Kehlnaht, Rohrabzweig), lässt es prüfen und erhält bei bestandener Prüfung ein Protokoll der Verfahrensqualifizierung (WPQR). Die wesentlichen Merkmale:

  • Zwei Stufen. ISO 15614-1:2017 kennt Stufe 1 (angelehnt an ASME IX) und Stufe 2 (beruht auf den früheren Ausgaben dieser Norm). In Stufe 2 ist der Prüfumfang größer und der Geltungsbereich enger. Eine Prüfung nach Stufe 2 deckt automatisch Stufe 1 ab, nicht umgekehrt. Ist im Vertrag oder in der Anwendungsnorm keine Stufe festgelegt, gilt Stufe 2. EN 1090-2 schreibt Stufe 2 vor.
  • Überwachung. Schweißen und Prüfen des Prüfstücks müssen durch den Prüfer oder die Prüfstelle bestätigt werden (Abschnitt 6.3).
  • Geltungsbereich. Abschnitt 8 legt fest, wie weit die Qualifizierung trägt: Werkstoffgruppe, Dickenbereich, Nahtart, Position, Prozess, Zusatzwerkstoff und weitere Variablen. Innerhalb dieses Bereichs darf der Betrieb Produktionsnähte schweißen, die vom Prüfstück abweichen. Änderungen außerhalb des Bereichs verlangen eine neue Verfahrensprüfung (Abschnitt 8.1).
  • Bindung an den Hersteller. Die Qualifizierung gilt für den Hersteller, der die Prüfung durchgeführt hat, in Werkstatt und auf Baustelle, solange er die volle Verantwortung für die Schweißarbeiten behält (Abschnitt 8.2). Eine WPQR lässt sich nicht an einen anderen Betrieb „ausleihen".

Der Vorteil liegt im breiten Geltungsbereich: Eine mehrlagige Verfahrensprüfung als Stumpfnaht an S355 mit 15 mm deckt in Stufe 2 Dicken von 7,5 bis 30 mm ab (Tabelle 7). Bei den Positionen ist die Norm enger, als oft angenommen: Ohne Kerbschlag- und Härteanforderung qualifiziert ein Prüfstück in beliebiger Position alle Positionen, ausgenommen Fallnähte (PG, PJ), die ein eigenes Prüfstück brauchen. Sind Kerbschlagwerte gefordert, müssen die Proben aus der Position mit der höchsten Streckenenergie stammen, bei Härtewerten aus der mit der niedrigsten; wer beides braucht, schweißt zwei Prüfstücke in verschiedenen Positionen (Abschnitt 8.4.2). Dafür muss das Prüfstück den genormten Abmessungen entsprechen. Was die Prüfung umfasst und wie der Geltungsbereich gelesen wird, steht auf der Normseite ISO 15614-1.

ISO 15613: die vorgezogene Arbeitsprüfung

ISO 15613 regelt, wie eine pWPS auf Grundlage einer vorgezogenen Arbeitsprüfung qualifiziert wird. Unsere Einordnung, kein Normwortlaut: Der Grundgedanke ist, statt eines genormten Prüfstücks ein Prüfstück zu schweißen, das der Produktionsverbindung nachgebildet ist. Nach dem Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 2025 ist die Prüfung (Abschnitt 7) in Schmelzschweißen (7.1) und Widerstandsschweißen (7.2) unterteilt; den Geltungsbereich regelt Abschnitt 8. Den Wortlaut der Anforderungen entnehmen Sie dem Normtext.

Wann dieser Weg vorgeschrieben ist, sagt ISO 15614-1 selbst: Für Stufe 2 schreibt Abschnitt 6.1 ISO 15613 vor, wenn die Anforderungen an die Verbindung oder die Abmessungen des Prüfstücks von den genormten Prüfstücken nicht abgedeckt werden. Die übrigen Wege nach Tabelle 12 bleiben davon je Ausführungsklasse unberührt. Typische Fälle im Stahlbau:

  • Verbindungen, deren Geometrie kein genormtes Prüfstück abbildet (Mehrblechstöße, einseitig zugängliche T-Stöße, Verbindungen an Profilen mit engen Radien, Sonderfugen).
  • Nähte, bei denen die Einspannung und der Wärmefluss des echten Bauteils das Ergebnis bestimmen, zum Beispiel dicke Stirnplatten an dünnen Stegen.
  • Verbindungen, für die der Auftraggeber eine Prüfung „am Bauteil" verlangt; hier ist ISO 15613 Wahl des Vertrags, nicht Normpflicht.

Die Kehrseite, wieder als unsere Einordnung: Eine Arbeitsprüfung geht von der geprüften Verbindung aus und trägt deshalb nicht so weit wie ein genormtes Prüfstück. Was sie genau abdeckt, regelt Abschnitt 8 der ISO 15613; vor einer Entscheidung sollte der Volltext der aktuellen Ausgabe vorliegen, weil die Ausgabe 2025 die erste Ausgabe ersetzt hat. EN 1090-2 stellt in Abschnitt 7.4.1.2 für beide Wege dieselben Zusatzbedingungen auf, sofern nichts anderes festgelegt ist: Kerbschlagversuche, soweit ISO 15614-1 sie verlangt, bei der tiefsten für den Werkstoff geforderten Prüftemperatur und, für Stähle nach EN 10025-6, eine Mikroschliffprobe ohne Mikrorisse.

Die beiden Wege nebeneinander

KriteriumISO 15614-1 (Stufe 2)ISO 15613
Prüfstückgenormt (Blech, Rohr, T-Stoß, Abzweig)vorgezogene Arbeitsprüfung nach ISO 15613
Geltungsbereichbreit, nach Abschnitt 8 der ISO 15614-1nach Abschnitt 8 der ISO 15613 (Volltext prüfen)
Pflicht, wenn …Regelweg für Standardverbindungengenormte Prüfstücke die Verbindung nicht abdecken (ISO 15614-1, Abschnitt 6.1)
Zulässig in EN 1090-2EXC2 bis EXC4EXC2 bis EXC4
ÜberwachungPrüfer oder Prüfstelle (Abschnitt 6.3)nach ISO 15613
Typischer EinsatzSerienfertigung, viele Nähte gleicher ArtSondergeometrie, Einzelbauteil, Nachweis am Bauteil

Und die übrigen Wege?

  • ISO 15612, Standardschweißanweisung: Der Betrieb übernimmt eine von einer Prüfstelle qualifizierte Standard-WPS, ohne selbst ein Prüfstück zu schweißen. Für EXC2 ohne Einschränkung zulässig, für EXC3 und EXC4 nur mit Freigabe in der Ausführungsspezifikation (Tabelle 12, Fußnote c). Ein schneller Einstieg für Betriebe, die mit Standardnähten an S235 bis S355 beginnen.
  • ISO 15611, vorherige schweißtechnische Erfahrung: Qualifizierung über dokumentierte Erfahrung mit der Verbindung. Nur für EXC2 zulässig.
  • ISO 15610, geprüfte Schweißzusätze: Qualifizierung über die Zulassung des Zusatzwerkstoffs. Nur für EXC2 zulässig.

Für EXC3 bleiben damit drei Wege: ISO 15614-1, ISO 15613 und, mit Freigabe, ISO 15612. Mehr dazu auf der Seite EXC3 nach EN 1090-2.

Entscheidungshilfe in vier Schritten

  1. Welche Ausführungsklasse? EXC1: keine Qualifizierung nötig. EXC2: alle fünf Wege der Tabelle 12 offen. EXC3/EXC4: ISO 15614-1 oder ISO 15613, ISO 15612 nur mit Freigabe. In EXC2 bis EXC4 gelten zusätzlich die Einschränkungen aus Abschnitt 7.4.1.2: nichtrostende Stähle außerhalb der sechs Sorten und die erste Lage mit tiefem Einbrand nur nach ISO 15614-1, Kehlnähte ab S460 mit Kreuzzugversuch.
  2. Deckt ein genormtes Prüfstück die Verbindung ab? Ja: ISO 15614-1, Stufe 2. Nein: Innerhalb der Stufe 2 ist ISO 15613 nach ISO 15614-1, Abschnitt 6.1 der vorgeschriebene Weg.
  3. Wie viele unterschiedliche Nähte sollen gedeckt werden? Viele Standardnähte: der breite Geltungsbereich der ISO 15614-1 spart Prüfungen. Eine Sondernaht am Einzelbauteil: ISO 15613 liefert den Nachweis genau dafür.
  4. Verlangt der Auftraggeber einen bestimmten Weg? Die Ausführungsspezifikation kann Wege ausschließen oder freigeben. Vor der Prüfung klären, nicht danach.

Welche WPQR welche Produktionsnähte abdeckt, ist die eigentliche Fleißarbeit im Betrieb. Wer seine WPQR mit den WPS und den geschweißten Nähten verknüpft, sieht Lücken, bevor die Überwachung sie findet. Der WPQR-Geltungsbereich-Rechner hilft bei der Prüfung einer einzelnen WPQR.

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Quellen

  • EN 1090-2:2018+A1:2024, Abschnitt 7.4.1.2 mit Tabelle 12 (Qualifizierungswege je Ausführungsklasse, Zusatzbedingungen), Anhang A.3
  • EN ISO 15614-1:2017, Einleitung und Abschnitt 1 (Stufen 1 und 2), Abschnitt 6.1 (ISO 15613 bei nicht abgedeckten Verbindungen), 6.3 (Überwachung), 8.1 und 8.2 (Geltungsbereich, Bindung an den Hersteller), 8.4.2 (Positionen), Tabelle 7 (Dickenbereich)
  • EN ISO 15613:2025, Titelblatt und Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 2025-08; DIN EN ISO 15613:2026-02
  • EN ISO 15607 (Allgemeine Regeln für Spezifikation und Qualifizierung von Schweißverfahren)
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