WPS und Schweißaufsicht: Ab welcher Ausführungsklasse sind sie Pflicht?
„Brauchen wir für jede Naht eine WPS?" und „Muss die Schweißaufsicht bei uns angestellt sein?" sind zwei Fragen, die in Foren, unter unseren Filmen und in Erstgesprächen häufig gestellt werden. Beide beantwortet EN 1090-2, und beide Antworten hängen an der Ausführungsklasse. Dieser Artikel führt durch die Normstellen und endet mit einer Entscheidungshilfe.
Stand der Normen: EN 1090-2:2018+A1:2024, EN ISO 14731:2019, EN ISO 15609-1:2019. Abschnittsangaben ohne Normnennung beziehen sich auf EN 1090-2 in dieser Fassung.
Kurzantwort
| Anforderung | EXC1 | EXC2 | EXC3 | EXC4 |
|---|---|---|---|---|
| Schweißanweisung (WPS) nach ISO 15609 | Nicht gefordert; Arbeitsanweisung, wenn die Ausführungsspezifikation sie verlangt | Pflicht | Pflicht | Pflicht |
| Qualifiziertes Schweißverfahren (WPQR) | Nicht gefordert | Pflicht; Wege für die Prozesse 111, 114, 12, 13 und 14 nach Tabelle 12 | Pflicht; Wege nach Tabelle 12 | Pflicht; Wege nach Tabelle 12 |
| Schweißaufsicht nach ISO 14731 | Nicht gefordert; ausreichende Beaufsichtigung nach ISO 3834-4 | Pflicht, Kenntnisstufe nach Tabelle 14 oder 15 | Pflicht, Kenntnisstufe nach Tabelle 14 oder 15 | Pflicht, Kenntnisstufe C |
Quelle: EN 1090-2, Abschnitte 7.4.1.1, 7.4.1.2, 7.4.3 und Anhang A.3.
Die WPS-Pflicht: Abschnitt 7.4.1.1
Abschnitt 7.4.1.1 verlangt, dass „mit qualifizierten Verfahren unter Verwendung einer Schweißanweisung (WPS) nach dem zutreffenden Teil der Reihe EN ISO 15609" geschweißt wird. Für Lichtbogenschweißen ist das ISO 15609-1; für Bolzen-, Reib- und Betonstahlschweißen nennt der Abschnitt ISO 14555, ISO 15620 und ISO 17660-1. Spezifikation und Qualifizierung des Verfahrens laufen nach ISO 15607.
Für EXC1 macht derselbe Abschnitt eine Ausnahme: Weil ISO 3834-4 keine Anforderungen an Schweißanweisungen nach ISO 15607 stellt, kann die Ausführungsspezifikation für EXC1 „geeignete Arbeitsanweisungen" verlangen, die Schweißprozess, Zusatzwerkstoffe und Schweißparameter festlegen. Ohne diese Festlegung gibt es für EXC1 keine WPS-Pflicht aus der Norm. Anhang A.3 fasst das in der Zeile 7.4.1.1 so zusammen: EXC1 „Arbeitsanweisungen, falls vorgegeben", EXC2 bis EXC4 „siehe ISO 3834-3 beziehungsweise -2".
Was das in der Praxis heißt:
- Ab EXC2 muss jede Schweißnaht durch eine WPS gedeckt sein. Es reicht nicht, dass eine WPS im Ordner liegt; sie muss den Prozess, die Werkstoffgruppe, die Dicke, die Position und die Nahtart der konkreten Naht abdecken. Die WPS ist die Vorgabe für den Schweißer, die WPQR der Nachweis dahinter.
- Eine pWPS ersetzt die WPS nicht. Die vorläufige Schweißanweisung ist der Entwurf für die Verfahrensprüfung. Erst wenn das Verfahren qualifiziert ist, wird daraus eine WPS. Den Unterschied erklärt pWPS, WPQR, WPS: Was ist der Unterschied? in drei Minuten.
- Heftnähte brauchen ab EXC2 ebenfalls eine WPS auf Grundlage eines qualifizierten Verfahrens (Abschnitt 7.5.7). In der Praxis deckt eine WPS der Hauptnaht die Heftnaht ab, wenn ihr Geltungsbereich passt, sonst braucht die Heftnaht eine eigene WPS; die Norm selbst schreibt nur vor, dass besondere Bedingungen für Heftnähte in die WPS gehören, wenn sie festgelegt sind (Abschnitt 7.4.1.1).
Wie eine WPS aufgebaut ist und wie sie aus der WPQR abgeleitet wird, steht in Schweißanweisung erstellen und auf der Normseite ISO 15609-1.
Die Schweißaufsichtspflicht: Abschnitt 7.4.3
Abschnitt 7.4.3 unterscheidet scharf zwischen EXC1 und dem Rest:
- EXC1: „eine ausreichende Beaufsichtigung während der Ausführung der Schweißarbeiten, wie in EN ISO 3834-4 festgelegt". Eine Schweißaufsichtsperson nach ISO 14731 wird nicht verlangt.
- EXC2, EXC3 und EXC4: „Schweißaufsicht während der Ausführung der Schweißprozesse durch Schweißaufsichtspersonal, das für die beaufsichtigten Schweißarbeiten entsprechend qualifiziert und erfahren ist, wie in EN ISO 14731 festgelegt".
Welche Kenntnisstufe das Schweißaufsichtspersonal haben muss, steht in Tabelle 14 (Baustähle) und Tabelle 15 (nichtrostende Stähle). Die drei Stufen heißen in EN 1090-2 B, S und C und entsprechen den Stufen „basic", „specific" und „comprehensive" der ISO 14731:2019, Abschnitt 6.2. Für Baustähle:
| EXC | Stahlsorte | t ≤ 25 mm | 25 < t ≤ 50 mm | t > 50 mm |
|---|---|---|---|---|
| EXC2 | S235 bis S355 | B | S | C (bis S275: S) |
| EXC2 | S420 bis S700 | S | C (N, NL, M, ML: S) | C |
| EXC3 | S235 bis S355 | S | C | C |
| EXC3 | S420 bis S700 | C | C | C |
| EXC4 | alle | C | C | C |
Für Stützenfußplatten und Stirnplatten verschieben sich die Dickengrenzen auf 50 mm beziehungsweise 75 mm (Fußnoten a und b der Tabelle). Seit A1:2024 steht unter der Tabelle zusätzlich: Für hochfeste Stähle (HSS, Mindeststreckgrenze über 460 MPa, thermomechanisch gewalzt oder vergütet; Begriff 3.16) ist in allen Feldern Stufe C gefordert; für HSS gilt außerdem unabhängig von der Ausführungsklasse ISO 3834-2 (Abschnitt 7.1).
Weder EN 1090-2 noch ISO 14731 nennen Abschlussbezeichnungen. In der Praxis weisen Betriebe die Kenntnisstufen über die Ausbildungen nach IIW- und DVS-Richtlinie nach (Internationaler Schweißfachmann, Schweißtechniker, Schweißfachingenieur). Welcher Abschluss welche Stufe deckt, legt keine der beiden Normen fest; dokumentieren Sie die Kenntnisstufe je Person nach ISO 14731, statt sich auf eine Faustregel zu verlassen.
Was die Schweißaufsicht tun muss: ISO 14731
ISO 14731:2019 ist kurz, und drei Abschnitte tragen die ganze Last:
- Abschnitt 4.2: Die Schweißaufsicht ist „alleinige Verantwortung des Herstellers". Der Hersteller benennt mindestens eine Person, die für die Aufgaben der Schweißaufsicht verantwortlich ist. Die Aufgaben werden aus Anhang B ausgewählt (Anforderungsprüfung, technische Prüfung, Unterauftrag, Schweißpersonal, Betriebsmittel, Fertigungsplanung, Verfahrensqualifizierung, WPS, Arbeitsanweisungen, Zusatzwerkstoffe, Grundwerkstoffe, Prüfung vor, während und nach dem Schweißen, Wärmenachbehandlung, Abweichungen, Kalibrierung, Rückverfolgbarkeit, Qualitätsaufzeichnungen). Nicht jede Aufgabe gilt für jeden Betrieb; der Hersteller wählt die zutreffenden aus (Abschnitt 4.1). Anhang B nennt außerdem Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutz (B.20).
- Abschnitt 5: Für jede Schweißaufsichtsperson gibt es eine Stellenbeschreibung mit Aufgaben, Verantwortung und Befugnissen, einschließlich der Befugnis, Dokumente wie WPS und Aufsichtsberichte zu unterzeichnen. Die Bestellung gilt nur für diesen Hersteller und ist nicht übertragbar.
- Abschnitt 6: Das Personal muss Kompetenz in den zugewiesenen Aufgaben nachweisen, erworben durch Ausbildung, Schulung und Erfahrung. Die Kompetenzstufe hängt von Art und Komplexität der Fertigung und von den Folgen eines Versagens ab (Abschnitte 4.2, 6.1 und 6.2.1); für EN 1090 legen die Tabellen 14 und 15 die Stufe fest.
Eine Schweißaufsicht ohne Stellenbeschreibung, ohne zugeordnete Aufgaben aus Anhang B und ohne dokumentierte Kenntnisstufe erfüllt ISO 14731 nicht, auch wenn die Person fachlich qualifiziert ist.
Darf die Schweißaufsicht extern sein?
Ja. ISO 14731, Abschnitt 4.2, lässt die Vergabe der Schweißaufsicht an Dritte ausdrücklich zu. Zwei Bedingungen gelten:
- Aufgaben und Verantwortung werden definiert und dokumentiert.
- Die Einhaltung der Norm bleibt Verantwortung des Herstellers, nicht des externen Dienstleisters.
Die Anmerkung zu Abschnitt 4.2 nennt als Beispiele, was die Vereinbarung regeln kann: Besuche vor Ort (regelmäßig oder anlassbezogen) und Berichte über jeden Besuch mit Zweck und durchgeführten Tätigkeiten. Eine externe Schweißaufsicht, die nie in der Werkstatt war und keine Besuchsberichte vorlegen kann, kann in der Überwachung zum Befund werden.
Was für und gegen eine externe Lösung spricht und wie der Vertrag aussieht, steht unter Schweißaufsicht: intern oder extern?.
Entscheidungshilfe in fünf Fragen
- Welche Ausführungsklasse gilt für Ihre Bauteile? Steht in der Ausführungsspezifikation; sonst EXC-Ermittler.
- EXC1? Dann keine WPS-Pflicht und keine Schweißaufsicht nach ISO 14731 aus der Norm, aber: Arbeitsanweisungen, falls der Auftraggeber sie verlangt, Schweißerprüfungen nach ISO 9606-1 und eine ausreichende Beaufsichtigung nach ISO 3834-4.
- EXC2 oder höher? Jede Naht durch eine WPS gedeckt, jedes Schweißverfahren qualifiziert (für die Lichtbogenprozesse nach Tabelle 12), eine benannte Schweißaufsicht nach ISO 14731.
- Welche Kenntnisstufe? Tabelle 14 (Baustähle) oder Tabelle 15 (nichtrostende Stähle) nach Stahlsorte und Dicke; hochfeste Stähle immer Stufe C. Prüfen Sie die dickste Platte und die höchste Stahlsorte im Auftragsbestand, nicht den Durchschnitt.
- Intern oder extern? Beides zulässig. Extern nur mit dokumentierter Festlegung von Aufgaben und Verantwortung (Abschnitt 4.2); die Anmerkung dazu nennt als Beispiele Besuchsregelung und Besuchsberichte. Die Verantwortung bleibt bei Ihnen.
Filme zum Thema
- Kurzfilm: Schweißaufsicht nach ISO 14731: Warum Ihr Betrieb eine braucht und was sie können muss
- Kurzfilm: WPS Schweißanweisung: Was steht drin und wie entsteht sie?
- Lernserie „EN 1090 in der Praxis": ISO 3834 und ISO 14731: Qualitätsanforderungen im Schweißbetrieb, und wer sie trägt
Weiterlesen
- ISO 3834: Welcher Teil gilt für welche Ausführungsklasse?
- WPQR: ISO 15613 oder ISO 15614-1?
- EN 1090-2: Ausführungsklassen und Anforderungen
- Schweißaufsicht: intern oder extern?
Quellen
- EN 1090-2:2018+A1:2024, Begriff 3.16 (HSS), Abschnitte 7.1, 7.4.1.1 (WPS), 7.4.1.2 und Tabelle 12 (Verfahrensqualifizierung), 7.4.3 und Tabellen 14/15 (Schweißaufsicht, HSS-Regel), 7.5.7 (Heftnähte), Anhang A.3
- EN ISO 14731:2019, Abschnitte 4.2 (Verantwortung, Unterauftrag), 5 (Stellenbeschreibung), 6.2 (Kenntnisstufen), Anhang B (Aufgaben)
- EN ISO 15609-1:2019 (Inhalt der WPS)
- EN ISO 3834-4:2021 (elementare Qualitätsanforderungen)